1. Orgontherapie

Die von Wilhelm Reich begründete Orgonomie beschäftigt sich mit der Erforschung von Lebensprozessen. Die Orgontherapie ist eine der praktischen Anwendungen der Orgonomie. Sie zielt darauf ab, an der biologischen Tiefe, am Lebendigen selbst zu arbeiten. Der Begriff Orgon spielt hierin eine zentrale Rolle.

Orgon leitet sich her aus Wilhelm Reichs Forschungen über eine im Körper spezifisch wirkende Energie auch OrganismusEnergie, Bioenergie oder Lebensenergie genannt. Diese kann durchaus im Sinne einer alles (an) treibenden Kraft verstanden werden, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Sie umfaßt sowohl psychische als auch körperliche Prozesse. Aber auch außerhalb der lebendigen Organismen entfaltet Orgon als kosmische Energie seine Wirkkraft. Das, was Reich Orgon nennt, läßt sich jedoch nicht direkt beobachten. Orgon ist eine Abstraktion von verschiedenen Phänomenen. Orgon läßt sich physikalisch exakt weder direkt messen noch definieren.

Ähnliche Definitionsschwierigkeiten begegnen uns bei den Begriffen wie ”Lebensenergie”, ”Chi” oder ”Prana”. Auch sie lassen sich nicht exakt definieren. Was wir beobachten können, sind immer nur bestimmte Wirkungen, wie beispielsweise die Schmerzausschaltung nach der Stimulierung bestimmter Akupunkturpunkte oder eine spezifische Reaktion des vegetativen Nervensystems bei der Freisetzung von Orgon während der Orgontherapie.

Ein Teilbereich der Orgontherapie ist die biophysikalische Orgontherapie, die auch die Wechselwirkung zwischen den Energien im lebenden Organismus mit den kosmischen Energien der Umwelt mit in die Arbeit einbezieht.

                                                                                                  1.1. Orgontherapie als Arbeit an den lebensenergetischen Prozessen im menschlichen Körper

Der zentrale Sinn der Orgontherapie besteht nach Reich in der Auflösung der muskulären und psychischen Blockaden und in der Freisetzung der darin gebundenen Orgonenergie. In einem blockierten Organismus sind grundlegende Funktionen des Lebendigen durch Verspannungen und Verhärtungen in Muskulatur und Bindegewebe mehr oder minder eingeschränkt. Bei anhaltender körperlicher und psychischer Anspannung kann beispielsweise keine ausgleichende Entspannung mehr erreicht werden. Der biologische Rhythmus, der natürliche Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, das Gleichgewicht des Organismus ist gestört. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer gestörten Pulsationsfähigkeit.

Die Orgontherapie regt den Organismus dazu an, die eingeschränkte Fähigkeit zur Pulsation wieder (voll) zu entfalten. Sie unterscheidet sich von allen anderen Arten der Beeinflussung des Organismus dadurch, daß sie unter weitgehender Ausschaltung der Sprache den Kranken dazu anhält, sich biologisch auszudrücken. Biologisch drückt sich der Organismus in Bewegungen aus. In diesen Ausdrucksbewegungen zeigt sich die Sprache des Lebendigen. Diese Sprache gilt es zu verstehen und therapeutisch zu beeinflussen.

1.2. Die biophysikalische Orgontherapie

Die biophysikalische Orgontherapie beinhaltet die Behandlung mit den von Reich entwickelten Apparaturen (z.B. Orgonakkumulator, Orgondecke, Shooter). Der Behandlung liegt das Modell Reichs vom kosmischen Orgon und seiner Wechselwirkung mit dem lebendigen Organismus zugrunde.

Der OrgonAkkumulator beispielsweise ist ein Kasten, der aus mehreren, abwechselnd aufeinander folgenden Schichten von Metall und ebensovielen Schichten organischen Materials (z.B. Schafwolle oder Holz) besteht. Ein im OrgonAkkumulator sitzender Mensch zeigt meßbare physiologische Reaktionen, die darauf schließen lassen, daß der Organismus in irgendeiner Form beeinflußt worden ist. Wir nehmen mit Wilhelm Reich an, daß aufgrund des typischen Aufbaus des Akkumulators das Orgon innerhalb des Akkumulators konzentriert und dann vom Organismus aufgenommen wird. Dies ist möglich, weil Orgon nach den Gesetzen lebensenergetischer Prozesse vom niedrigeren zum lebensenergetisch höheren Potential fließt. Darin unterscheidet sich Orgon von physikalisch meßbaren Energien.

1.3. Überblick über die Entwicklung der therapeutischen Techniken bei Reich

Aus den bisherigen Ausführungen zur Orgontherapie wird deutlich, daß die therapeutische Behandlung bei Reich die rein sprachliche Ebene verläßt. Energetische Prozesse werden mehr und mehr zum Inhalt der Therapie. Bei einem Einzeller (z.B. bei einer Amöbe) kann das Strömen des Zellplasmas beobachtet werden. Das Strömen des Zellplasmas ist nach Reich an die Bewegung der Lebensenergie gebunden. Ähnlich wächst und entwickelt sich der menschliche Körper. Mit dem Fließen der Lebensenergie differenziert sich der Organismus nach und nach in all seinen Einzelheiten aus. Der Fluß der ungehinderte Lebensenergie ist dabei Voraussetzung für körperliche und psychische Gesundheit. Diese grundlegenden Bewegungen des Orgons werden von Reich in der Figur des Orgonoms veranschaulicht (siehe Abb.1).

Reich hat in seinen Schriften das Paradigma der Orgonomie schrittweise entwickelt und ausführlich dargestellt. Die Orgonomie entwickelte sich aus der Psychoanalyse Freudscher Prägung zu einer allgemeinen Erkenntnis des Lebendigen. Das Erkenntnisinteresse führte Reich zur Entwicklung verschiedener (psycho) therapeutischer Methoden. Dazu zählen neben der Psychoanalyse die Charakteranalyse, die Widerstandsanalyse und die Vegetotherapie, die Reich 1945 in Orgontherapie umbenannte. Reich verwandte bis zum Ende seines Lebens all diese unterschiedlichen, sich aber dennoch ergänzenden Methoden. Die nonverbale therapeutische Arbeit in Form der Orgontherapie gewann dabei zunehmend an Bedeutung.

Im Rahmen der Freudschen Psychoanalyse konzentriert sich Reich zunehmend auf die gestörte sexuelle Erlebnisfähigkeit seiner Patienten. Später geht er in der Charakteranalyse über die Behandlung einzelner Symptome hinaus und betrachtet den ”Charakter” einer Person als ein den Symptomen übergeordnetes System. Er sieht in einer Charakterstruktur ”geronnene Energie”, die es unter Beachtung der Gesamtstruktur in Bewegung zu bringen gilt. In der Widerstandsanalyse spürt Reich den offenen und verdeckten Widerständen seiner Patienten nach und versucht die in ihnen gebundene Energie in Bewegung zu setzen. Er achtet dabei immer stärker auf den Körperausdruck, auf Mimik und Gestik, und bezieht den Körper zunehmend mehr mit in die Therapie ein. Schließlich entwickelt Reich in der Vegetotherapie eine Form der systematischen Auflockerung der willkürlichen Muskulatur. Diese Systematik spiegelt sich in der Unterteilung des Körpers in den sieben muskulären Segmenten wider (vgl. Abb.2). In Verbindung mit bestimmten Körperübungen und Massagen wird vor allem über die Atmung auch das vegetative Nervensystem beeinflußt.

1.4. Charakteranalyse und Vegetotherapie als Grundlage der Orgontherapie

Der psychotherapeutische Hintergrund der Orgontherapie entwickelte sich aus der Psychoanalyse und der von Reich entwickelten Widerstands und Charakteranalyse. Nach 1935 verschob sich der Akzent der Charakteranalyse ins Körperliche. Der Ausdruck ”Vegetotherapie” sollte dieser Verschiebung Rechnung tragen, denn von da ab wurde die Charakterneurose im physiologischen Bereich unter Einbeziehen des vegetativen Nervensystems beeinflußt. Reich sprach auch von der ”charakteranalytischen Vegetotherapie”, um zu verdeutlichen, daß er damit an der seelischen und an der körperlichen Seite des Menschen zugleich arbeitet. Reich geht davon aus, daß sich charakterliche Blockaden (Charakterpanzer) auch in Muskelverspannungen (Muskelpanzer) zeigen. Bestimmte Muskelgruppen wiederum bilden funktionelle Einheiten. Reich unterscheidet sieben voneinander abgrenzbare Segmente (siehe Abb.2).

In der Vegetotherapie werden die Muskelverspannungen der einzelnen Segmente aufgelöst und infolge dessen wird Orgon freigesetzt, das dem Organismus nun wieder zur Verfügung steht. Mit dem Freisetzen von Orgon gehen verschiedene Körperempfindungen einher, wie z.B. Kribbel oder Strömungsempfindungen. Sichtbare Reaktionen des Organismus können als Vibrationen in der äußeren Muskulatur oder auch als wellenartige Bewegungen wahrgenommen werden.

Aus seiner Arbeit an der seelischen und körperlichen Seite des Menschen entwickelte Reich das Modell der Biopathien, das wir als Grundlage des Reichschen Gesundheitsverständnisses verstehen.

1.5. Das Modell der Biopathien

1.5.1. Definition

Unter ”Biopathie” versteht Reich eine Grundstörung am autonomen oder vegetativen Nervensystem. Dieser Teil des menschlichen Nervensystems ist für die Funktion aller inneren Organe verantwortlich. Das vegetative Nervensystem unterteilt sich in den Parasympathikus und den Sympathikus. Deren Wechselspiel reguliert die Tätigkeit der inneren Organe, beispielsweise die Frequenz des Herzschlages, den Blutdruck oder die Darmbeweglichkeit. Parasympathikus und Sympathikus werden abhängig von Tageszeit und äußeren Umständen abwechselnd aktiv. In der Funktion des vegetativen Nervensystems, d.h. in der unterschiedlichen und wechselnden Aktivität des Sympathikus oder des Parasympathikus, finden wir eine Form der im Organismus beobachtbaren Pulsation. Ein chronisches ”Festfahren” dieser Pulsation an einer beliebigen Stelle bringt das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems durcheinander. Wir sprechen dann von einer chronischen Überfunktion des Sympathikus bzw. Parasympathikus, einer sogenannten Sympathikotonie bzw. Parasympathikotonie. Dieses Ungleichgewicht betrifft den gesamten Organismus, kann sich aber in verschiedenen Krankheitsbildern äußern. Die Biopathie ist somit eine Grundstörung des gesamten Organismus, auf deren Boden sich die unterschiedlichen Symptome bilden können.

Die Biopathie kann als emotionale oder psychische Störung in Erscheinung treten (also als eine Form der Neurose oder Psychose). Sie kann sich aber auch unmittelbar im Funktionieren der Organe auswirken und als Organerkrankung zum Vorschein kommen. Als Beispiele für Erkrankungen, die durch Sympathikotonie mitbedingt sind, gelten Schmerzzustände des Bewegungsapparates (die meisten Formen von Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Schulter und Armbeschwerden, Kreuzschmerzen, sogenannter Hexenschuß und Ischiasbeschwerden), Hypertonie, Angina pectoris sowie rheumatische Erkrankungen. Erkrankungen, die durch Parasympathikotonie mitbedingt sind, sind z.B. (endogenes) Asthma bronchiale, Neurodermitis, Drehschwindelanfälle, Hörsturz, Kopfschmerzzustände, die mit Gefäßerweiterung korreliert werden können, sowie Hypotonie.

Unfälle oder typische Infektionskrankheiten gehören nicht zum Zustand der Biopathie, da sie nicht auf Störungen des vegetativen Nervensystems beruhen.

1.5.2. Schweregrade der Biopathien

Der amerikanische Internist Robert Dew arbeitete folgende Gemeinsamkeiten aus den angeführten Krankheitsbildern heraus:

Dew entwickelte darauf aufbauend ein Schema, in dem er einige der biopathischen Erkrankungen nach ihrem Schweregrad anordnet:

Gesundheit
Entzündliche Erkrankungen
Hochdruckbedingte Herz Kreislauferkrankungen
Diabetes
Leukämie
Krebs

1.5.3. Das Modell von Kern und Peripherie

Das Modell von Kern und Peripherie bezieht sich auf den lebendigen Organismus. Reich hat es verwendet, um die grundlegenden energetischen Prozesse bildlich darstellen zu können.

Wir können uns unter dem Kern bestimmte Zentren des vegetativen Nervensystems vorstellen (vegetativer Ganglienapparat). Der Kern stellt den inneren Bereich des menschlichen Körpers dar. Zur Peripherie und damit zum äußeren Bereich des menschlichen Körpers zählen wir die Haut, die quergestreifte Muskulatur unseres Stütz und Bewegungsapparates sowie die Gelenke. Dazwischen auf einer mittleren Schicht befindet sich die glatte Muskulatur der Organe.

Im Laufe seiner Forschungen entdeckte Reich die Wechselwirkung von mechanischen und bioelektrischen Prozessen. Diese Prozesse finden sich beispielsweise in der Funktion des Herzens oder in der Funktion des Orgasmus. Sehr schematisch formuliert laufen viele Prozesse innerhalb des Organismus nach einem gemeinsamen Prinzip ab: mechanische Anspannung bioelektrische Ladung bioelektrische Entladung mechanische Entspannung. Reich nennt dieses gemeinsame Prinzip ”Orgasmusformel” bzw. ”Lebensformel”. Er sieht in der Fähigkeit des Organismus, sich energetisch aufzuladen und zu entladen, eine Grundfunktion des Lebendigen. Dem entspricht die volle vegetative Reaktionsbereitschaft, d.h. die Fähigkeit, angemessen auf äußere Reize zu reagieren. Ist diese Fähigkeit eingeschränkt, führt dies über eine gestörte Ladungs und Entladungsmöglichkeit des Organismus zu einer gestörten Pulsation und damit zum Entstehen einer Biopathie.

Diese Ladungs und Entladungsvorgänge betreffen sowohl den gesamten Organismus, als auch einzelne Organfunktionen und die Funktionen einzelner Zellen. Aus dieser Perspektive des somatischenergetischen Zusammenhangs sieht Reich vor allem auch die enge Verbindung mit

psychischen und emotionalen Vorgängen. Psyche und Körper reagieren gemeinsam, aber dennoch in ihrer je eigenen Weise auf energetische Prozesse. Diese verschiedenen Funktionen in ihrer Gemeinsamkeit faßt Reich in seinem Modell von Kern und Peripherie als einheitlicher Beschreibungsebene zusammen.

Damit können wir uns die biologischen, physiologischen und seelischen Funktionen plastischräumlich vorstellen: wir haben einen weiten Kreis mit einem Zentrum vor uns. Das Einschrumpfen der Kreisperipherie entspräche dem Einsetzen der charakterlichen und emotionellen Resignation. Der Kern, das Zentrum des Kreises, ist noch unberührt. Dieser Prozeß schreitet gegen das Zentrum fort, das den ”biologischen Kern” darstellt. Hat der Schrumpfungsprozeß diesen Kern erreicht, dann beginnt das Plasma (das Protoplasma der einzelnen Zellen) selbst einzugehen.

Dieses Modell findet seine ganz konkrete Entsprechung im vegetativen Nervensystem, das auch als autonomes Lebensnervensystem bezeichnet wird. Nach Reich ist dieses autonome Lebensnervensystem selbst beweglich. Es ist kontraktil, d.h. es kann kontrahieren und expandieren und verfügt somit über die Fähigkeit zur Pulsation. Das durch das Lebensnervensystem organisierte Plasma wird auch als Plasmasystem bezeichnet. Das Strömen dieses Plasmas (Plasmaströmung) geht den emotionellen, vegetativen und autonomen Bewegungen des Organismus voraus. Die chronische Kontraktion dieses Plasmasystems führt zur Ausprägung der oben genannten Biopathien.

2. Die Pulsationsarbeit als neues Behandlungskonzept der lebensenergetischen Medizin

2.1. Der therapeutische Ansatz der Pulsationsarbeit

Der therapeutische Ansatz der Pulsationsarbeit richtet sich auf die Beeinflussung des menschlichen Plasmasystems. Über die Anregung der autonomen und selbstregulativen Prozesse (Pulsationen) im Organismus sollen neben den vegetativen Prozessen auch bioelektrische, humorale (die Körperflüssigkeit betreffende) und energetische Prozesse verändert werden.

Die Pulsation wird im Rahmen der Therapie in Analogie zur ”Lebensformel” angeregt. Wir beginnen mit mechanischer (muskulärer) Anspannung zu arbeiten und wollen über die Beeinflussung der bioelektrischen Prozesse zu einer tiefen Entspannung gelangen. Generell verstärken wir zunächst die Anspannung auf muskulärer Ebene. Die Behandelten nehmen unter vertiefter Atmung sogenannte Streßpositionen ein. Dabei spannen sie in bestimmten Positionen willkürlich die Bein und Armmuskulatur an, solange bis sich unwillkürliche Bewegungen der Muskulatur einstellen. Diese anfänglichen Bewegungen der Muskeln meist ein Zittern, Vibrieren oder Schwingen können sich im Laufe der Behandlung über den ganzen Körper ausweiten und zu weichen, wellenförmigen Bewegungen übergehen, die auch als Ganzkörperschwingungen oder als ”Orgasmusreflex” bezeichnet werden.

Nach Lassek können wir die Abfolge der Behandlung in vier Schritte unterteilen:

2.1.1. Mobilisierung der Pulsation

Durch das Einnehmen von Streßpositionen und durch vertiefte Atmung wird gemäß der ”Orgasmus bzw. Lebensformel” mechanische Spannung in der Muskulatur und damit einhergehend elektrische Ladung auf und auch wieder abgebaut. Im Fortgang dieser Arbeit wird die Pulsation zwischen biologischem Kern und Peripherie mobilisiert. Diese Methode der Ladungs bzw. Entladungsarbeit (charge und discharge) findet beispielsweise auch in der Bioenergetik ihre Anwendung.

2.1.2. Kanalisierung des Energieflusses

Dieser zweite Schritt weicht bereits von der klassischen Orgontherapie ab, in der die einzelnen von Reich beschriebenen sieben Körpersegmente in einer bestimmten Reihenfolge durchgearbeitet werden. Im Gegensatz dazu werden unter Verwendung verschiedener Druckpunkte bestimmte Energiebahnen (Meridiane) geöffnet.

Der Energiefluß soll zunächst in den Extremitätenbahnen ermöglicht werden (Druckpunkte an Füßen, Beinen, Händen und Armen), um dann entlang der großen Bahnen (Druckpunkte auf dem Diener und Lenkergefäß) in der Mitte des Bauches und des Rückens (ventral und dorsal) zunächst in Richtung des Kopfes zu verlaufen. Ziel dieser Arbeit ist die Ermöglichung von Pulsation und Schwingung, wobei es im fortgeschrittenen Stadium zum Verbinden der ventralen und dorsalen Energiebahnen kommen kann. Beide Bahnen bilden zusammen den ”Kleinen Energiekreislauf” (siehe Abb.4) bzw. den von Reich beschriebenen Kreislauf im ”geschlossenen Orgonom” (siehe Abb.1).

2.1.3. Sensomotorische Bahnung

Die sensomotorische Bahnung erfolgt im Zustand der Entspannung, d.h. ohne vertiefte Atmung. Durch feinste Berührungen (”butterfly”) im Kopfbereich über Nasen und Stirnzonen wird eine Ladungsverteilungsarbeit an der Peripherie vorgenommen.

2.1.4. Induktionsarbeit

Diese Arbeit wird mit feinsten Berührungen und intentionalen Feldern am ”Wundernetz der energetischen Bahnen” (Meridiane) innerhalb und außerhalb des menschlichen Körpers durchgeführt. Dieser vierte Schritt ist nur nach Herstellung fein schwingender autonomer Bewegungsimpulse im Organismus sinngebend, da das plasmatische System auf einem sehr dichten und niederfrequenten Schwingungsniveau verbleiben muß, um sicher metanormale Erfahrungen erleben und integrieren zu können.

In diesen vier Schritten verändern sich die Filter der Wahrnehmung, des Ausdrucks und der möglichen Resonanz mit anderen Seins und Erfahrungsebenen. Es fällt auf, daß in diesen vier Schritten nur von energetischem Geschehen die Rede ist. Es ist keine Mobilisierung von Emotionen oder von Kognitionen angestrebt. Wir vertreten hier Reichs spätere Vorstellung von Therapie. Darin kommt zum Ausdruck, daß der effektivste therapeutische Ansatz bei jeglichem emotionalen (d.h. biophysischem) Leiden der Entzug von Bioenergie aus den biopathischen Symptomen ist (soweit möglich oder angebracht). Nach Reich ist es unnötig oder sogar schädlich, allen Details der zahllosen pathologischen Verzweigungen nachzugehen, um psychoneurotische oder psychotische Symptome zu zerstören. Statt dessen kann die Öffnung des Kerns des Biosystems und die Etablierung einer ausgewogenen Energieökonomie automatisch zum Verschwinden der Symptome führen, da diese, energetisch gesehen, das Ergebnis eines in Unordnung geratenen Energiestoffwechsels im Biosystem sind.

Die Erfahrungen, die die Behandelten während der Therapie machen, sind trotz der Betonung der biologischen Ausdruckssprache dennoch in begleitenden Gesprächen zwischen Behandelten und Behandler zu integrieren. Dadurch kann ein Verständnis für die energetischen Prozesse im eigenen Körper ermöglicht werden und dieses Verständnis wiederum kann als Grundlage für die Behandelten dienen, ihren eigenen Alltag und ihre je eigene Lebensweise neu zu gestalten.

2.2. Orgontherapie und Pulsationsarbeit

Die Herstellung der GanzkörperSchwingung (Orgasmusreflex) galt lange Zeit als Zeichen für die Gesundung des Organismus. Bei Krebspatienten kann diese Schwingung jedoch extrem leicht und schnell hergestellt werden, was allerdings nicht als Zeichen für einen gesunden Organismus gesehen werden kann. Krebs stellt nach Reich das Endstadium einer langanhaltenden chronischen Kontraktion dar, die mit dem fast vollständigen Erlöschen der Pulsation durch Erschöpfung des sympathischen Systems einhergeht. Dabei kommt es dazu, daß der biologische Kern keine Energie mehr produzieren und weder Peripherie noch mittlere Schicht Energie halten können. Die in der Körperarbeit aufgenommene Energie wird sofort wieder über die Peripherie (besonders über die Extremitäten) abgegeben.

Die bisherige vegetotherapeutische Praxis führte bei an Krebs erkrankten Menschen zu keiner Veränderung am biologischen Kern selbst. Nach dem Modell des Berliner Arztes Heiko Lassek ermöglicht hier jedoch nur das Aufbauen einer größeren Ladungshaltekapazität eine tiefgreifende Veränderung. Dabei meint die Ladungshaltekapazität die Toleranzfähigkeit des Organismus, die durch Atmung und muskuläre Anspannung aufgebaute Energie zu halten, ohne sie sofort wieder in Vibrationen oder Schwingungen zu entladen.

Reich dokumentierte in seinen Fallberichten Unterschiede zwischen Krebs und Leukämiekranken und beschreibt die unterschiedlichen Reaktionen des Blutes auf die von ihm durchgeführten Bluttests. Er folgert, daß hier unterschiedliche energetische Prozesse ablaufen müssen. Lassek findet dies bei der Behandlung von an Leukämie erkrankten Patienten bestätigt: eine Mobilisation der Peripherie, sogenannte Entladungsreaktionen wie z.B. Zittern der Beine oder der Arme, wird erst nach längerer Behandlungszeit möglich, das Herstellen von Ganzkörperschwingungen braucht mehrere Monate. Ein extremer Gegensatz zu den Reaktionen von Krebspatienten!

Die Praxis mit schwerkranken Menschen zeigt deutlich, daß es unterschiedliche Reaktionstypen gibt. Diese Reaktionstypen korrelieren mit bestimmten Krankheiten. Lassek unterscheidet drei Reaktionstypen, deren Reaktionen Rückschlüsse auf die energetischen Prozesse zulassen, die sich zwischen den drei Schichten (Peripherie, mittlere Schicht, Kern) abspielen. Je nach Reaktionstyp und Erkrankung im Sinne einer Biopathie wird die Behandlungstechnik modifiziert (Behandlung in einer jeweils bevorzugten Grundposition).

2.3. Das Selbstverständnis der Pulsationsarbeit innerhalb der Orgontherapie

Nach Lassek verändert die Arbeit an der Pulsation die Energetik, Biophysik und Biochemie des gesamten Organismus. Wir haben es mit den Reaktionen des Vegetativums zu tun und damit, wie sich diese vegetativen Veränderungen mit den physischen Wahrnehmungen verbinden. Die Pulsationsarbeit ist eine therapeutische Behandlungsmethode, durch die grundlegende selbstregulierende Prozesse im menschlichen Organismus beeinflußt werden sollen. Herz und Atemtätigkeit sowie die Regulation des hormonellen Haushalts sind Beispiele dieser grundlegenden selbstregulatorischen biologischen Pulsationsprozesse. Pulsationsarbeit bedeutet Arbeit an den Grundfunktionen des Lebens.

Das der Pulsationsarbeit zugrundeliegende Gesundheitsverständnis basiert auf den Erkenntnissen Reichs, speziell auf denen aus der Orgontherapie. Auch Pulsationsarbeit setzt dort an, wo sich nach Reich die gemeinsame Wurzel von Psyche und Körper befindet, am Fluß der Lebensenergie. Deren ungehindertes Strömen und Fließen im gesamten Organismus stellt dabei ein wichtiges Kriterium für Gesundheit dar. Genau an diesem Punkt kommt es auch zur deutlichsten Annäherung an das Gesundheitsverständnis der traditionellen chinesischen Medizin mit seinem seit Jahrhunderten überlieferten Wissen vom ”Wundernetz der Meridiane”.

Das Konzept der Pulsationsarbeit greift auf die beiden Gesundheitsmodelle zurück. Aufbauend auf der Orgontherapie tragen die Kenntnisse aus der chinesischen Medizin zu einem modifizierten Behandlungskonzept bei. Der Kerngedanke dieses Konzeptes beinhaltet die Anregung des Organismus, genauer gesagt die systematische Aktivierung selbstregulativer pulsatorischer Prozesse. Diese systematische Aktivierung scheint für den meist auf mehreren Ebenen blockierten Organismus notwendig, bis zu einem gewissen Grad aber auch ausreichend zu sein, um die Gesundung aus sich selbst, aus dem eigenen System heraus anzuregen. Dieses Potential des Organismus, täglich neu die biologischen Grundlagen für die Gesundheit bereitzustellen, ist ähnlich wie die Pulsation eine Grundfunktion des Lebens und damit prinzipiell jedem Organismus eigen.

Hinsichtlich des menschlichen Organismus als eines flexiblen Systems ist die Beeinflussung pulsierender Prozesse willentlich möglich. Es ist bekannt, daß im Autogenen Training eine organismische Umschaltung erfolgen kann durch die willentliche Bewußtseinseinengung auf körperliche Prozesse. Die Beeinflussung von Atmung, Herztätigkeit, des gesamten vegetativen Nervensystems und darüber hinaus eine Beeinflussung anderer körperlicher und psychischer Prozesse ist bereits mit einem geringen Ausmaß an vorhergehender körperlicher Anspannung und nachfolgender Entspannung möglich.

Die Interventionstechnik der Pulsationsarbeit stellt gegenüber der Methode des Autogenen Trainings gerade durch die starke Betonung der muskulären Anspannung am Anfang der Behandlung einen intensiveren Weg der Beeinflussung dar. In der darauffolgenden Phase der Entspannung wird eine Arbeit im Zustand tiefster Ruhe und Ausgeglichenheit angestrebt. Neben unterschiedlichen Strömungsempfindungen kann es hierbei auch dazu kommen, daß der Behandelte wahrnimmt, wie etwas im Organismus zu ”pulsieren” beginnt.

2.4. Lebensenergetische Vorgänge ein Brückenschlag zwischen westlichen und östlichen Gesundheitsmodellen

In seinem Spätwerk ”Kosmische Überlagerungen” entwickelt Reich ein Verständnis von lebensenergetischen Vorgängen, die mit Vorstellungen der traditionellen chinesischen Medizin vergleichbar sind. Bereits vom Moment der Zeugung an beginnt Lebensenergie zu zirkulieren, und mit dem Kreisen dieser Lebensenergie beginnt sich der neue Organismus nach und nach auszudifferenzieren, zu wachsen. Während dieses Fließen von Reich im ”geschlossenen Orgonom” dargestellt wird, gibt es in alten Traditionen die Darstellung des ”Kleinen Energiekreislaufs” (siehe Abb.1 und 4).

Heute gibt es Bestrebungen, die östlichen Lehren mit den Erkenntnissen der westlichen Welt zu verbinden. Das Verblüffende daran ist, daß dieses unterschiedliche Gedankengut im Hinblick auf den energetischen Aspekt weitgehend kompatibel scheint, wie es sich beispielsweise in der Gegenüberstellung des ”Kleinen Energiekreislaufs” (dies entspricht den Verläufen des Diener und Lenkergefäßes in der Akupunktur) mit dem Reichschen Orgonom zeigt. Hinsichtlich der Energieflüsse im menschlichen Organismus gibt es abgesehen von der Wahl der Sprache vom Prinzip her sehr große Übereinstimmungen.

 

 

3. Indikation und Kontraindikation für die therapeutische Intervention mit der Methode der Pulsationsarbeit innerhalb der Orgontherapie

Es werden viele Körpertechniken angeboten, aber längst nicht jede ist für jeden geeignet. Jeder Struktur muß sich auf einmalige Weise genähert werden. Je nach Reaktionsweise und damit nach Reaktionstyp bedarf es einer modifizierten Behandlung.

Im Sinne der energetischen Medizin kann dies darin bestehen, überhaupt erst einmal wellenförmige Bewegungen auf muskulärer Ebene zu ermöglichen oder auch darin, im Organismus ein bestimmtes Energieniveau zu erreichen. Dies bedeutet letztlich eine Arbeit an der biologischen Basis.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, daß lebensenergetische Medizin sowohl präventiv als auch begleitend und stützend zur Behandlung schwerer chronischer Erkrankungen eingesetzt werden kann. Wir halten diesen Ansatz der lebensenergetischen Medizin für die Behandlung der von Reich als Biopathien eingestuften Erkrankungen für außerordentlich wirkungsvoll. Auf eine gründliche schulmedizinische Diagnostik und eine möglichst sinnvolle Abstimmung mit den traditionellen Behandlungsmethoden legen wir besonders bei schweren und chronischen Erkrankungen großen Wert.

Für viele der bei Reich als Biopathien eingestuften Erkrankungen liegen zur Zeit noch keine oder zumindest noch nicht genügend praktische Erfahrungen vor. Ob die lebensenergetische Medizin eines Tages ähnlich vielfältig einsetzbar sein wird, wie beispielsweise das Autogene Training, das von manchen Autoren als ”Basistherapeutikum” bezeichnet wird, wird von den Ergebnissen der gegenwärtigen und künftigen therapeutischen Bemühungen abhängig sein. Behandelte und Behandler betreten hier gemeinsam therapeutisches Neuland.


Zu empfehlende Literatur

Binder, H., Binder, K. (1989): Autogenes Training. Basis Psychotherapeutikum. Köln: Deutscher ÄrzteVerlag.

Boadella, D. (1997): Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Scherz.

Chia, M. (1993): Tao Yoga. Interlaken: Ansata.

DeMeo, J. (1994): Der Orgonakkumulator. Frankfurt am Main: 2001.

Gebauer, R., Müschenich, S. (1987): Der Reichsche Orgonakkumulator: Naturwissenschaftliche Diskussion, Praktische Anwendung, Experimentelle Untersuchung. Frankfurt am Main: Nexus.

Hebenstreit, G. (1995): Der Orgonakkumulator nach Wilhelm Reich. Diplomarbeit Universität Wien.

Hebenstreit, G., Lassek, H., Runge, W. (1997): LebensenergieForschung. Die Orgontherapie Wilhelm Reichs und ihre Weiterentwicklung zu einer energetisch orientierten Medizin. Berlin: Simon + Leutner.

Lassek, H. (1994): Erfahrungen eines Arztes mit der Vegeto/ Orgontherapie Wilhelm Reichs und Gedanken zur Wirkkraft der Behandlung. In: Energie & Charakter, Zeitschrift für Biosynthese und Psychosomatische Medizin, Bd. 10. Berlin.

Lassek, H. (1997): Orgontherapie. Heilen mit der reinen Lebensenergie. Scherz.

Müschenich, S. (1995): Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich. Marburg: Görich & Weiershäuser.

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Reich, W. (1989): Charakteranalyse. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Reich, W. (1994): Die Entdeckung des Orgons. Der Krebs. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Reich, W. (1997): Kosmische Überlagerungen. Frankfurt am Main: 2001.

Runge, W. (1996): Auswirkungen einer körperzentrierten Interventionstechnik am Beispiel der Pulsationsarbeit nach Reich/Lassek. Diplomarbeit TU Berlin.

Sharaf, M. (1994): Wilhelm Reich: Der heilige Zorn des Lebendigen; die Biografie. Berlin: Simon + Leutner.

                                                                                                                                                                                                                    
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